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Pressemitteilung

vom 30.03.2015

Universität Leipzig zeigt Gemälde von Minkewitz und Tübke

Dauerausstellung von "Aufrecht stehen…" und "Arbeiterklasse und Intelligenz" feierlich eröffnet

Im Hörsaalgebäude der Universität Leipzig sind seit Montag die beiden Gemälde "Aufrecht stehen… " von Reinhard Minkewitz sowie "Arbeiterklasse und Intelligenz" von Werner Tübke zu sehen. Zum Auftakt der Dauerausstellung hatten die Stiftung Friedliche Revolution und die Universität Leipzig zu einer festlichen Vernissage eingeladen. Beide Kunstwerke können montags bis freitags jeweils zwischen 7 und 21 Uhr besichtigt werden.

„Die Geschichte, die beide Bilder verbindet, wird Diskussionen anregen“, sagte die Rektorin der Universität, Prof. Dr. Beate Schücking, während der feierlichen Vernissage, bei der auch Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung sprach. Michael Kölsch vom Vorstand der Stiftung Friedliche Revolution verwies darauf, dass beide Werke für sich und für die Zeit stehen, in der sie geschaffen wurden. „Sie konkurrieren, kommunizieren und profitieren voneinander – auch durch die räumliche Nähe. Das Spannungsfeld zwischen ihnen klagt an, klärt auf und mahnt“, fügte er hinzu. Die Stiftung hat der Universität das Minkewitz-Gemälde als Leihgabe zur Verfügung gestellt.

Die Festrede bei der Vernissage hielt unter dem Titel „Aufrecht stehen…“ Werner Schulz, Bürgerrechtler und Mitglied des Kuratoriums der Stiftung Friedliche Revolution. Frank Zöllner, Direktor des Instituts für Kunstgeschichte, ordnete beide Gemälde kunsthistorisch ein.

Auf dem Tübke-Gemälde aus den 1970er Jahren sind mehr als 100 Personen dargestellt - Mitglieder und Studenten der damaligen Karl-Marx-Universität, Bauarbeiter des Universitätsneubaus am Augustusplatz und drei politische Funktionäre. Mit der Vielfalt der bildlichen Darstellung eröffnen sich nach Ansicht Schückings breite Interpretationsspielräume, entsprechend sind über dieses wichtige Werk bereits viele Vorträge gehalten und Bücher geschrieben worden. „Ich bin gespannt darauf, wie die neue Generation von Studierenden und Lehrenden an der Universität ihren Weg finden wird, sich von den Bildern anregen zu lassen zu Diskurs und Dialog, zur Auseinandersetzung mit Zeiten, in denen studentische Freiheiten, ja der Zugang zum Studium selbst reglementiert war. Und ich bin sicher, dass auch die außeruniversitäre Öffentlichkeit sich daran beteiligt“, betonte die Rektorin.

Das 3,20 mal 14,00 Meter große Tübke-Wandbild entstand von 1970 bis 1973 als Auftragsarbeit für die Karl-Marx-Universität und wurde im damaligen Hauptgebäude platziert. Nun hängt es im Hörsaalgebäude im Foyer des zweiten Obergeschosses. Eine Etage tiefer ist das von Minkewitz geschaffene Gemälde zu sehen, zu dem der Künstler vor etwa neun Jahren vom Schriftsteller Erich Loest angeregt wurde. „Loest wollte, dass die Antwort auf oder besser der Kommentar zu Werner Tübkes ‚Arbeiterklasse und Intelligenz‘ mit dem Pinsel und nicht nur mit der Feder gegeben wird. Er wollte einen Dialog zwischen zwei Bildern anregen und diesen quasi materialisieren - verorten an dieser Universität, an authentischer Stätte. Einer Stätte der Bildung, auch der politischen Bildung und daher besonders geeignet für die Auseinandersetzung mit Vergangenheit - für Studierende wie Lehrende“, sagte Kölsch.

Das Minkewitz- Gemälde, das in der Langform den Namen „Aufrecht stehen - für Herbert Belter, Ernst Bloch, Werner Ihmels, Hans Mayer, Wolfgang Natonek, Georg-Siegfried Schmutzler“ trägt, zeigt Männer, die auf unterschiedliche Weise in den Anfangsjahren der DDR mit KGB und SED-Führung in Konflikt gerieten und dafür zum Teil mit langen Haftstrafen oder mit dem Leben bezahlt haben. Das Bild soll exemplarisch an die zahlreichen bekannten und unbekannten Opfer des SED-Regimes an der Universität Leipzig erinnern und diese gleichzeitig zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte anregen.

Das Kunstwerk Tübkes gilt als authentisches Zeugnis der Geschichte der Universität Leipzig zu Zeiten der DDR. Es ist eines der wichtigsten wandgebundenen Monumentalgemälde dieser Zeit. Wegen der ständigen Klimaschwankungen in der Umgebung muss es in einer speziell dafür hergestellten Vitrine ausgestellt werden. Das Gemälde ist auf eine wenig verdichtete Spanplatte aus DDR-Produktion gemalt, sodass diese Schwankungen ohne die Klimavitrine direkte Auswirkungen auf die Malschicht zur Folge gehabt hätten. Die Klimavitrine, die mit einer Tiefe von nur 20 Zentimetern relativ flach ausgebildet ist, ist eine Spezialanfertigung. Wichtige finanzielle Förderer des von der Kustodie der Universität Leipzig koordinierten Vitrinenprojektes sind Brigitte Tübke-Schellenberger und Dr. Eduard Beaucamp. Noch werden weiterhin Spender für das Projekt gesucht.

Auf weitere Spenden ist auch die Stiftung Friedliche Revolution für das Minkewitz-Bild angewiesen. Sie hatte sich im vergangenen Jahr zur Übernahme des Projektes vertraglich verpflichtet und dabei auch zugesagt, den bei der Übernahme bestehenden Fehlbetrag von rund 48.000 Euro für die Kaufsumme durch Spenden einzuwerben. (Siehe auch die Erläuterungen zum Minkewitz-Bild, die gemeinsame Begrüßung von Prof. Dr. Beate Schücking und Michael Kölsch sowie die Festrede von Werner Schulz.)

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Die Pressemeldung als Download finden Sie hier.

Gemeinsame Begrüßung

durch die Rektorin der Leipziger Universität, Prof. Dr. Beate Schücking, und Michael Kölsch vom Vorstand der Stiftung Friedliche Revolution aus Anlass der Vernissage für die Bilder „Aufrecht stehen…“ von Reinhard Minkewitz und „Arbeiterklasse und Intelligenz“ von Werner Tübke am 30.03.2015 in der Uni Leipzig

Herr Oberbürgermeister,
sehr geehrte Mitglieder des Vorstandes und des Kuratoriums der Stiftung Friedliche Revolution,
sehr geehrte Mitglieder des Europäischen Parlaments, des Bundestages und des Landtages,

liebe Frau Tübke-Schellenberger,
liebe Frau Rotta,
lieber Herr Minkewitz,

sehr verehrte Frau Schmutzler
sehr verehrte Frau Sommer-Bloch,
sehr verehrte Mitglieder der Familie Ihmels,

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

im Namen der alma mater lipsiensis möchte ich Sie herzlich begrüßen zu einer besonderen Veranstaltung. Für mich steht der heutige Tag unter der Überschrift „Ende eines Disputes - Beginn eines Dialogs“. Ab heute kann die Universität stolz in ihrem Hörsaalgebäude zwei großformatige Gemälde präsentieren: Aus ihrem eigenen Kunstbesitz Werner Tübkes Gemälde „Arbeiterklasse und Intelligenz“, das als eines der Hauptwerke der „Leipziger Schule“ gilt, und, durch die Leihgabe der Stiftung Friedliche Revolution ermöglicht, Reinhard Minkewitz` Gemälde: “Aufrecht stehen - für Herbert Belter, Ernst Bloch, Werner Ihmels, Hans Mayer, Wolfgang Natonek, Georg-Siegfried Schmutzler

Zwei Beispiele realistischer Malerei, zwei Bilder mit intensivem Bezug zur jüngeren Geschichte der Universität, und damit auch der Stadt Leipzig, im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts. Zwei Bilder auch mit intensivem Bezug zu Erich Loest - ohne ihn wäre dieses Gesamtprojekt der öffentlich zugänglichen Dauerausstellung in der Universität nicht denkbar. Und ich erinnere mich gerne an meine Gespräche mit ihm, in denen wir gemeinsam den Weg zur heutigen Vernissage entwickelt haben, und ich bedauere es, dass er diesen Tag nicht mehr miterlebt.

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Meine sehr geehrten Damen und Herren,

auch von mir im Namen der Stiftung Friedliche Revolution Ihnen allen ein sehr herzliches Willkommen!

Hätte sich Erich Loest darauf beschränkt, gegen Paul Fröhlich nur anzuschreiben, der Universität wäre ein schmerzhafter Prozess der Vergangenheitsaufarbeitung, Erich Loest und Reinhard Minkewitz eine jahrelange, kräftezehrende Auseinandersetzung um die Hängung des Bildes „Aufrecht stehen…“ erspart geblieben. Loest wollte, dass die Antwort auf oder besser der Kommentar zu Werner Tübkes „Arbeiterklasse und Intelligenz“ mit dem Pinsel und nicht nur mit der Feder gegeben wird. Er wollte einen Dialog zwischen zwei Bildern anregen und diesen quasi materialisieren - verorten an dieser Universität, an authentischer Stätte. Einer Stätte der Bildung, auch der politischen Bildung, und daher besonders geeignet für die Auseinandersetzung mit Vergangenheit - für Studierende wie Lehrende.

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Die Studierenden prägen die Universität, das macht einen guten Teil ihres Charmes aus -die Jugend. Die jetzige Generation ist weit entfernt von dem auf beiden Bildern jeweils dargestellten Spannungsbogen. Es ist zumeist Aufgabe der Älteren, zu erinnern - und das macht die alma mater lipsiensis beispielsweise durch die Verleihung der Würde eines Professors 1992 an Wolfgang Natonek durch das Ministerium auf Vorschlag der Universität und die Vergabe eines nach ihm benannten Preises für herausragende Studierende, durch den Theodor-Litt-Preis für gute Lehre, durch die regelmäßigen Belter-Dialoge und das Ehrenbuch der Universität zur Erinnerung an die Opfer der beiden deutschen Diktaturen. Das Bild von Reinhard Minkewitz wird dazu helfen, die Namen mit sichtbarer Gestalt zu füllen. Die Geschichte, die beide Bilder verbindet, wird Diskussionen anregen.

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Reinhard Minkewitz’ „Aufrecht stehen…“ muss dabei aus heutiger Sicht nicht zwingend als Gegenbild zu Werner Tübkes „Arbeiterklasse und Intelligenz“ verstanden werden. Beide Werke stehen für sich und für die Zeit, in der sie geschaffen wurden. Sie konkurrieren, kommunizieren und profitieren voneinander - auch durch die räumliche Nähe. Das Spannungsfeld zwischen ihnen klagt an, klärt auf und mahnt.

Und eben dies spiegelt wider, was unsere Stiftung im Kern ausmacht. Sie tritt ein für Freiheit, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung und sie ruft auf, sich zu empören, den Finger in die Wunden unserer Zeit zu legen. Dabei bezieht sie sich auf die Losungen von 1989 „Keine Gewalt“, „Wir sind das Volk“, „Schwerter zu Pflugscharen“ und „Offen für alle“. „Aufrecht stehen…“ und dessen Hängung neben „Arbeiterklasse und Intelligenz“ spricht ihr gewissermaßen aus der Seele. Wir waren gerne Geburtshelfer und freuen uns auf die vor uns liegende Arbeit mit dem Projekt. So wird es, das ist der Plan, Diskussionsforen geben, auch online, Veröffentlichungen unserer Stiftung und solche, die wir unterstützen. Wir freuen uns besonders auf die Partizipation junger Mensche und finden, es steht dieser Universität, der Stadt Leipzig gut zu Gesicht, dass hier über Bilder inhaltlich gestritten wird und nicht, wie üblich in unserer Zeit, nur über deren materiellen Wert. Wann gab es das zuletzt?!

Reinhard Minkewitz hat die Figuren seines Bildes lebensgroß gemalt, damit der Betrachter ihnen direkt begegnet. Die sechs Aufrechten mit ihren Respekt gebietenden Viten, Erich Loest selbst, die subtile Farbigkeit des Gemäldes, das rostrote Hämatit, ein Farbpigment übrigens, das auch im menschlichen Blut enthalten ist, das Trümmerfeld als Verweis auf Erich Loests Buch „Durch die Erde ein Riss“, der unsichtbare Hörsaal Nr. 40 sowie das Wechselspiel zwischen beiden Bildern wird ein fruchtbares Milieu für künftige Auseinandersetzungen sein. Bereits die vergangenen neun Jahre haben bewiesen, beide Bilder zusammen ergeben ein explosives Gemisch.

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Mein Vorgänger im Amt, Prof. Häuser, berief 2004 eine Kunstkommission mit dem Auftrag ein, Aufstellungsvorschläge für Kunstobjekte der Universität im neu entstehenden innerstädtischen Campus zu unterbreiten. Das darauf hin entwickelte Kunstkonzept schlug die Präsentation des Bestandes in fünf sog. Erinnerungskomplexen vor – von den spätmittelalterlichen Dominikanerfresken bis hin zur sozialistischen Universität. Zugleich fußt das Konzept auf der Vorstellung, dass alle bedeutenden Epochen – soweit mit Werken in der Sammlung dokumentiert - vertreten sein sollten. Galt es einerseits, die verschütteten historischen Bestände ans Licht zu holen, erschien es andererseits selbstverständlich, auch die DDR-Zeit zu thematisieren. Dass gerade dieses Kapitel mit einem Höchstmaß an Emotionen verknüpft war, lag auf der Hand. Die Diskussionen gingen auch darum, das Tübke-Bild im Neubau am Augustusplatz anzubringen. (Da in unseren Gebäuden Wände von 14 Meter Länge ohne Türen Mangelware sind, war dieser Standort auch aus praktischen Erwägungen ohne Alternative).

Im Verständnis der Universität handelt es sich bei dem Bild primär um ein Zeugnis seiner Entstehungszeit, das es angesichts seiner historisch und kunsthistorisch überragenden Bedeutung zu präsentieren und kritisch zu reflektieren gilt. Auf dem Tübke-Bild dargestellt sind mehr als 100 Personen: Mitglieder und Studenten der damaligen Karl-Marx-Universität, Bauarbeiter des Universitätsneubaus am Augustusplatz und drei politische Funktionäre. Prof. Zöllner wird später noch unseren Blick darauf aus kunsthistorischer Sicht erweitern. Mit der Vielfalt der bildlichen Darstellung eröffnen sich breite Interpretationsspielräume, entsprechend sind über dieses wichtige Werk bereits Vorträge gehalten und Bücher geschrieben worden. Ich bin gespannt darauf, wie die neue Generation von Studierenden und Lehrenden an der Universität ihren Weg finden wird, sich von den Bildern anregen zu lassen zu Diskurs und Dialog, zur Auseinandersetzung mit Zeiten, in denen studentische Freiheiten, ja der Zugang zum Studium selbst reglementiert war. Und ich bin sicher, dass auch die außeruniversitäre Öffentlichkeit sich daran beteiligt. Dass es Führungen geben wird und Einzelpersonen, die die Bilder suchen und leicht finden werden. Und sich dann ihr eigenes Bild machen.

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Erich Loests Idee wäre nicht Wirklichkeit geworden ohne Ihre finanzielle Unterstützung und Ihren kämpferischen Einsatz, verehrte Frau Rotta. Vielen Dank dafür. Vielen Dank auch Ihnen, verehrter Herr Minkewitz, für Ihre Geduld, den langen Atem, aber insbesondere für ein wunderbares, einfühlsames, intelligentes Kunstwerk, über welches wir noch sehr viel Interessantes und Aufschlussreiches erfahren werden. Danken möchte ich Ihnen, verehrte Frau Prof. Schücking, für die Bereitschaft, das Gemälde von Reinhard Minkewitz dauerhaft in Ihrem Haus zu präsentieren. Es ist ein wichtiges, ein bedeutendes Zeichen, das von dieser Entscheidung ausgeht. Und danken möchte ich schließlich auch Ihnen, Herr Dr. Langenfeld, dafür, dass die Sparkasse Leipzig mit einer großzügigen Spende maßgeblich zum Gelingen des Projekts beigetragen hat. Ich bitte um Verständnis, dass ich an dieser Stelle nicht all die zahlreichen Personen und Einrichtungen, die sich im Laufe der Jahre mit Herzblut für die Realisierung des Projektes eingesetzt haben, ideell wie finanziell, namentlich erwähnen kann. Ihnen allen gilt unser aufrichtiger Dank.

Mein besonderer Dank, m. D. u. H. - und damit möchte ich schließen, gilt allen voran Erich Loest als einem der Aufrechten für die Idee, die Initiative, die Leidenschaft, mit der er sein Ziel verfolgt, seinen Kampf gegen die Geschichtsvergessenheit geführt hat. Alleine dieser gemeinsame Kampf zusammen mit seinem Verbündeten und Freund Reinhard Minkewitz hat bis heute viel bewirkt, viel verändert. Insofern waren es zwar aufreibende, aber in der Sache wertvolle neun Jahre. Mögen sich in den Dialog der Bilder, den Loest initiiert hat, viele Menschen einmischen, mögen sie sich und andere darüber politisch bilden, möge von diesem Dialog die Botschaft „Keine Gewalt“, „Wir sind das Volk“, „Schwerter zu Pflugscharen“ und „Offen für alle“ deutlich vernehmbar ausgehen. Das wünschen wir Erich Loest und seinem Projekt. Dies zu befördern steht die Stiftung Friedliche Revolution mit großer Freude zur Verfügung.

Vielen Dank
gez. Michael Kölsch

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Dem Dank an alle genannten möchte ich mich anschließen, und ihn noch erweitern mit Dank an Sie, lieber Herr Kölsch, stellvertretend für die Stiftung, und an die Stadt, an den Oberbürgermeister und sein Team. (Auch hier lebt unser Kooperationsvertrag, lieber Herr Jung!) Dank an alle anwesenden Angehörigen von Familienmitgliedern, die hier einen besonderen Bezug zu einem der Bilder haben, und die uns auch materiell unterstützt haben. In eher sparsamen Zeiten hat eine Universität für Kunst leider nicht viel materielle Unterstützung zu bieten.

Mein weiterer Dank gilt der Kunstkommission in Zusammenarbeit mit dem Dezernat Planung und Technik der Universität für die Entwicklung der Standortidee für das Tübke-Gemälde. Die bauliche Umsetzung wurde unterstützt durch das Architekturbüro Behet, Bondzio, Lin, Münster, sowie den staatlichen Eigenbetrieb Sächsisches Immobilien Baumanagement, Niederlassung Leipzig II. Ein besonderer Dank gebührt auch der Kustodie, Prof. Dr. Rudolf Hiller von Gaertringen und seinen Mitarbeitern, für die Erarbeitung einer Klimalösung, die eine Herausforderung darstellte, und den Planer und der ausführenden Firma. Bei der Installation des Gemäldes durften wir auf die Amtshilfe des Museums für Bildende Künste Leipzig in Person von Diplomrestaurator Rüdiger Beck zurückgreifen. Die Finanzierung der Grossvitrine förderten Frau Brigitte Tübke-Schellenberger, Leipzig, sowie Dr. Eduard Beaucamp, Frankfurt am Main, mit namhaften Beträgen: Für dieses Engagement gebührt Ihnen mein aufrichtiger Dank!

gez. B. Schücking

„Die DDR ist an ihrem Menschenbild gescheitert“

Rede von Werner Schulz zur Vernissage der Dauerausstellung des Bildes „Aufrecht stehen“ in der Leipziger Universität am 30. März 2015

Sehr geehrte Frau Rektorin, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
meine Damen und Herren,

ich hatte bis zuletzt die Hoffnung, dass Erich Loest diesen Tag noch erleben würde. Dass er die künstlerische Umsetzung seiner Idee: den frühen Widerstand in der auf Kommunismus getrimmten Leipziger Universität im Großformat sehen könnte. Ein Projekt in das er viel Herzblut, Kraft und Geld investiert hatte. Am Ende glaubte er nicht mehr an dessen Realisierung und schrieb: „Meine Feinde haben gesiegt!“

Und die hatte dieser großartige Schriftsteller und unbestechliche Chronist ausgerechnet in der Stadt, in der er Ehrenbürger war. Einige konnten ihm offenbar nie verzeihen, was sie ihm angetan hatten. Sie fühlten sich unangenehm berührt, wenn er ihnen beim Wort Erinnerungskultur den nicht immer zarten Hinweis gab, dass darin das Tätigkeitswort „erinnern“ steckt und der ehrlichen Selbstbeteiligung bedarf. Und andere wollten und möchten das Nomen Kultur möglichst losgelöst vom Politischen betrachten.

So wie Alexander Mitscherlich nach dem Ende der NS-Diktatur „die Unfähigkeit zum Trauern“ diagnostizierte, attackierte Erich Loest nach dem Ende der SED-Diktatur „die Unwilligkeit des sich Infragestellens“.

Bereits mit der Gründung war die DDR eine Lüge mit drei Buchstaben. Keine Deutsche Demokratische Republik. Dafür fehlte sowohl die demokratische als auch nationale Legitimation. Genau betrachtet standen die drei Buchstaben für ein Demagogisches Diktatur Regime, dem sich etliche von Anbeginn und später viele widersetzt haben.

Und darum geht es im Bild „Aufrecht stehen“.

Was in diesem Fall allerdings auch seiner Frau Linde Rotta zu verdanken ist, die sein Vermächtnis mit großer Anstrengung, Nervenaufreibung und finanziellem Einsatz zielstrebig zum Erfolg geführt hat. Ohne ihr unablässiges Engagement und ihre Unverdrossenheit wäre das Bild nie fertig geworden und hier und heute auf dieser Vernissage. Sie hat das Bild dankenswerterweise der Stiftung Friedliche Revolution übergeben, die es zunächst für 10 Jahre und später, wie ich hoffe, als Dauerleihgabe der Universität überlässt. Denn hier ist der Ort, an dem es wirkt.

Der Dank geht deshalb auch an Michael Kölsch und Hans-Jürgen Röder von der Stiftung Friedliche Revolution, welche die letzte Wegstrecke des Bildes bewerkstelligt haben.

Und der es gemalt hat, Reinhard Minkewitz, hat nicht nur große künstlerische Qualität und enormes Einfühlungsvermögen bewiesen und die Intension vortrefflich umgesetzt, sondern nie aufgegeben. Er hat über all die Jahre an einem Auftrag festgehalten, der oft an einem seidenen Faden hing. Doch je tiefer er in die Materie eindrang desto stärker und überzeugender wurde dieser Auftrag zum eigenen Anliegen. Die authentische Wirkung der Porträtierten ist ja nicht nur eine Frage der perfekten Maltechnik, sondern ob man das Wesen, die innere Haltung und Beweggründe der Personen erfasst. Und das ist hervorragend gelungen. Da keiner mehr Modell sitzen konnte, war dazu ein akribisches Studium historischer Quellen, von Zeitzeugen und Nachlass erforderlich.

Die Idee zu diesem Bild hat zu einer heftigen Kontroverse geführt, die als „Leipziger Bilderstreit“ in Erinnerung bleibt. Es gab schräge Argumente und heftige Widerstände, das Bild in der Leipziger Universität aufzuhängen. Was mich zu der Aussage bewogen hat: „Armselig eine Universität, die keinen Platz für ihre Helden findet“.

Doch das wird hier und heute korrigiert. Deswegen möchte ich auch Ihnen, Frau Prof. Schücking, danken, dass Sie trotz mancher Hürden und namhafter Bedenkenträger zu Ihrem Wort gestanden haben. Ein Versprechen an Erich Loest, dass sich ein Weg für dieses Projekt finden wird. In einer Zeit, in der der Passus: „Es gilt das gesprochene Wort“ oft nur eine Floskel ist und kein Garantieanspruch, ist auch dies ein Beispiel für Standhaftigkeit und Integrität.

Erinnerung braucht Namen und Gesichter. Nur so können wir die Opfer dem Vergessen entreißen und ins nationale Gedächtnis bringen.

Während das Geschichtsbild zur NS-Diktatur, die Verbrechen und Verantwortung nicht mehr bestritten werden, ist die Wirkungs- und Nachwirkungsgeschichte des Kommunismus längst nicht ausgestanden. Gerade erleben wir, wie der in der Sowjetunion verordnete Internationalis-mus in einen religiös verbrämten völkischen Nationalismus umschlägt.

Die Verbrechen und Verwüstungen, die im Namen des Kommunismus begangen wurden, zu vergessen, zu verdrängen oder zu verharmlosen, wäre der sicherste Weg für seine Reinkarnation. Darum ist seine Verdammung keine politische Leichenschändung. Im Gegenteil: es gibt eine Partei, die eine kommunistische Plattform unterhält und über neue Wege zum Kommunismus nachdenkt. Laut einer aktuellen Studie halten 60 Prozent der Ostdeutschen und 37 Prozent der Westdeutschen den Sozialismus/Kommunismus für eine gute Idee, die bisher nur schlecht gemacht wurde. Welch ein Mangel an politischer Bildung. Schließlich kann man auch Ideologien so wie Bäume an ihren Früchten erkennen.

Unsere Zukunft entscheidet sich von daher auch im Kampf um die Vergangenheit. Dabei geht es nicht darum, das Leben in der DDR zu entwerten, sondern den Charakter des Systems zu verdeutlichen und diejenigen zu würdigen, die darunter gelitten und bürgerliche Standfestigkeit bewiesen haben.

Deswegen gilt es nicht nur „Gesicht gegen Neonazis“ zu zeigen, sondern auch Gesichter gegen das Vergessen. Menschen, deren Schicksale oft noch unbekannt sind, die aber enormen Mut im Kampf um Freiheit und Demokratie bewiesen haben und denen unter der kommunistischen Diktatur großes Unrecht und Leid angetan wurde.

Opposition und Widerstand, Selbstbehauptung und Verweigerung hatten viele Gesichter und Akteure. Das Bild „Aufrecht stehen“ zeigt sieben. Stellvertretend für andere. Denn es waren Menschen, die den Lauf der Geschichte bestimmten und nicht Strukturen oder Verhältnisse.

Sie verkörpern das Grundgesetz des Widerstandes: „Es gibt immer eine Wahl, und sei es die, sich denen nicht zu beugen, die sie uns nehmen wollen.“

Der Aufbau der kommunistischen Diktatur im Osten Deutschlands rief von Anfang an Opposition und Widerstand hervor. Wie wenig sich die SED-Machthaber auf die Zustimmung der Menschen berufen konnten, in deren Interesse sie vorgaben zu regieren, beweisen der Volksaufstand und der Mauerbau und die ungebrochene Fluchtbewegung. In allen Phasen ihrer Existenz gab es in der DDR mutige Frauen und Männer, die trotz persönlicher Risiken nicht bereit waren, sich dem alles beherrschenden Machtanspruch der SED zu unterwerfen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ende der NS-Gewaltherrschaft wurde mit der politischen Neuordnung Ostdeutschlands das stalinistische Herrschaftssystem mit seinem totalitären Anspruch errichtet. Angeführt von der Gruppe Ulbricht und Kommunisten, welche die NS-Verfolgung und Parteisäuberungen im Moskauer Exil überlebt hatten. Tausende, die den neuen Machthabern dabei im Wege standen, wurden verfolgt und zu langen und schweren Strafen verurteilt.

Meist betraf es junge Leute. Ihnen wurde schnell klar, dass sich eine neue Diktatur anbahnte, die in alle Lebensbereiche einzudringen versuchte und der sie schon wieder gehorchen sollten. Doch eine solche Zukunft wollten sie nicht akzeptieren. Sie nahmen den proklamierten demokratischen Neuanfang ernst und entschlossen sich zu friedlichem Widerstand. Die drakonischen Strafen, die ihnen drohten, verraten hingegen viel über den menschenverachtenden Charakter des neuen Regimes. Allein für die Informations- und Literaturbeschaffung, für das Kleben von Plakaten, für Flugblätter und kritische Reden wurde man bis zu 25 Jahre Arbeitslager verurteilt oder hingerichtet.

Die Namensliste der Leipziger Studenten, denen dieser Weg nicht erspart blieb ist lang und bis heute nicht vollständig.

Einer von ihnen war Herbert Belter. Seine mutige Tat und die seiner Kommilitonen ist mit dem vergleichbar, was sieben Jahre zuvor die Geschwister Scholl taten. Doch während die Helden der Weißen Rose zu Recht einen Platz in unserem nationalen Narrativ fanden, steht eine angemessene Würdigung der Gruppe Belter noch aus. Dabei haben sie mit Flugblättern gegen das Zettelfalten der ersten Volkskammerwahl schon 1950 beklagt, was wir bei der Überwachung der Kommunalwahlen im Mai 89 abermals feststellen mussten: eine fingierte Wahl ohne Alternative, die auf Manipulation und Betrug beruhte. Vielleicht inspiriert ja das Bild demnächst einen unserer Spielfilmregisseure, einen Film über die Gruppe zu drehen und sie so in unser Geschichtsbewusstsein zu bringen und jungen Menschen zu erschließen. Zu wünschen wäre, dass es nicht so lang dauert wie bei Georg Elsner, den gescheiterten Hitlerattentäter, dessen Widerstandsgeschichte erst jetzt in die Kinos kommt.

Vor Jahren war ich in Moskau und habe dort vor der Lubjanka - dem früheren KGB-Gebäude - an der inoffiziellen Veranstaltung „Woswraschtschenie Imen“ – Rückgabe der Namen – der Menschenrechts-organisation Memorial teilgenommen und die Kurzbiografien der Leipziger Studenten Herbert Belter, Gerhard Rybka, Axel Schroeder und Heinz Eisfled verlesen, die dort 1951 erschossen wurden, weil sie sich der kommunistischen Diktatur in der DDR widersetzten. Es wäre gut, wenn auch wir eine angemessene Form des Gedenkens finden könnten.

So wie die SED-Diktatur auf zahlreiche Opportunisten und Mitläufer bauen konnte, hatte auch die Friedliche Revolution etliche Vorläufer. Es gehört zu den Merkmalen einer unfreien, verängstigten und überwachten Gesellschaft, dass zwischen den Widerstandsakteuren aus der Anfangsphase der DDR und denen vom Herbst 89 keine Verbindung bestand. Wir erfuhren von ihnen oder lernten uns erst nach 1990 in der offenen demokratischen Gesellschaft kennen.

Insofern war es für mich erstaunlich, welche Kontinuität sich aus den Schicksalen im Kampf um Freiheit, Demokratie und Menschenrechte ergibt.

Zum Beispiel Werner Ihmels, der für den christlichen Widerstand steht und vorwegnahm was sich später als Friedens- und Umweltgruppen unter dem Dach der evangelischen Kirche versammelte. Der Bonhoeffers Erkenntnis folgte, dass es nicht ausreicht, die unter die Räder Gekommenen zu verbinden, sondern das man dem Rad in die Speichen greifen muss. Er war überzeugt, dass dieses System nicht lange bestehen wird. Doch dauerte es länger als sein Leben.

Oder Wolfgang Natonek, der Vorsitzende des Studentenrates, der sich für Meinungsfreiheit und gegen Diskriminierung einsetzte und von Gedanken getragen war, die später den Aufbruch des Neuen Forums bewegten. Von ihm, dem Liberaldemokrat, könnte der im Herbst 89 aufgetauchte Satz stammen: „Ich stehe hinter jeder Regierung, bei der ich nicht sitzen muss, wenn ich nicht hinter ihr stehe.“

Oder Georg-Siegfried Schmutzler, der Studentenpfarrer, der sich für Religionsfreiheit einsetze und sich gegen den faulen Kompromiss einer „Kirche im Sozialismus“ aussprach und mit seiner offenen Kirchenarbeit der SED ein Dorn Auge war. Der genau das machte, was Christoph Wonneberger und Christian Führer mit Erfolg fortsetzten.

Da die ideologische Reinheit und absolute Wahrheit allein an der unbedingten Treue zur Parteilinie bemessen wurde, schnitt sich die SED selbst ihre besten und intelligentesten Köpfe ab. Wie den Philosophen Ernst Bloch und den Literaturwissenschaftler Hans Mayer.

Bloch, der aus Prinzip auf einen demokratischen Sozialismus hoffte, widersetzte sich der dogmatischen Auslegung des Marxismus und wurde deswegen, so wie später Robert Havemann, aus politischen Gründen emeritiert.

Ähnlich erging es Hans Mayer, einer Koryphäe der deutschen Literaturgeschichte. Sein legendärer Hörsaal 40 war schon Stunden vor der Vorlesung überfüllt. Auf seine bahnbrechende Arbeit geht der bedeutendste deutsche Literaturpreis, der Georg-Büchner-Preis, zurück. Die angetragene Parteimitgliedschaft konterte er mit dem Argument, dass ihm dadurch zwar manches entgehen, aber wiederum auch vieles erspart bleiben würde. Seinen Mut und seine menschliche Größe mag man daran erkennen, dass er, der Nationalpreisträger, keine Gefahr scheute die Familie des inhaftierten Staatsfeindes Loest zu unterstützen. Eine Kampagne der Universitäts- und Parteileitung unter dem Motto „Eine Lehrmeinung zu viel“ zwang ihn schließlich zur Aufgabe seiner Lehrtätigkeit.

Bloch und Mayer waren zwei deutsche Juden auf Widerruf. Vor den Nazis emigriert, mussten sie erneut das Land verlassen. Diesmal von Deutschland nach Deutschland. Mit der schmerzhaften Erfahrung seiner Teilung und der erneuten Konfiszierung ihres Vermögens. Wie Geschichts-vergessen muss man sein um zu behaupten: die Beiden würden nicht ins Bild passen?

Man weinte ihnen keine Träne nach und verstieg sich in wüsten Beschimpfungen. Oder wie Hermann Kant, der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, sagte: „Kommt Zeit, vergeht Unrat.“

„Aufrecht stehen“ ist keine Frage der Wirbelsäule, sondern des Rückgrats. Die Dargestellten widerlegen Immanuel Kants Behauptung, dass der Mensch ein krummes Holz sei, aus dem nichts Gerades werden könne.

Über die Evolution des Rückgrats schrieb Erich Loest 1954 eine satirische Passage im Roman „Das Jahr der Prüfung“. Im Biologieunterricht wurde der Lanzettfisch behandelt. Darüber schrieben die ABF-Studenten eine Klausur. Ein eifriger Prüfling bemühte sich, das Thema aus der Sicht des dialektischen Materialismus zu erörtern und schrieb: „Hier also tritt das Rückgrat zum ersten Mal auf. Es entwickelt sich weiter und weiter, und seine höchste Vollkommenheit erreicht es beim Menschen. Was wäre der Mensch ohne Rückgrat. Nur durch das Rückgrat kann er aufrecht gehen, womit er sich über die Tiere erhebt und das Rückgrat wird zum Garant für seine großen Leistungen. Die größten Leistungen aber, die die Menschheit vollbringt, werden in der großen Sowjetunion geleistet, in der die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft ist. Die Großbauten des Kommunismus, die Befreiung der Kultur und Wissenschaft aus der Herrschaft des Kapitals und die Hilfe für das deutsche Volk in ihrer vielfältigen Gestalt usw. usw.

Ein Jahr nach dem niedergeschlagenen Volksaufstand konnte Erich Loest die Demütigung offenbar nur mit Ironie ertragen. Wie so oft war es seine Sicherheitsnadel, damit ihm nicht der Kragen platzte.

„Aufrecht stehen“ ist ein Bild, das im wahrsten Sinne Vorbilder zeigt. Sie sind der Gegenbeweis zur Selbstabsolution vieler Mitläufer: man hätte ja doch nichts machen können. Gerade in einem zunehmend digitalen Zeitalter, einer Twitter-Facebook-Selfie-Spaßgesellschaft, gilt es anschaulich zu vermitteln, dass sich eine wehrhafte Demokratie und Zivilcourage nicht einfach herunterladen lassen.

Das Wandbild und die darauf gezeigten Persönlichkeiten sind eine stumme Mahnung: Die opferreich und langwierig errungene Freiheit und Demokratie nicht leichtfertig zu verspielen. Wie schrill würde wohl der populistische Abgesang auf die parlamentarische Demokratie und freie Presse, den wir dieser Tage lauthals von PEGIDA und LEGIDA hören, in ihren Ohren klingen? Wie empörend würden wohl die jüngsten Sachbeschädigungen und Gewaltakte aus der linksextremen Szene in Leipzig und Dresden auf sie wirken?

Nein – ihr Eintreten für eine freie, solidarische und humane Gesellschaft darf nicht umsonst gewesen sein.

Mut ist ein kurzes Wort und schnell ausgesprochen. Aber es gehört mehr dazu, ihn in unseren postheroischen Zeiten zu beweisen.

Sind wir wirklich bereit für unsere Freiheit und pluralistische Gesellschaft, so wie die Aufrechten im Bild, den Kopf hinzuhalten? Ja es gibt noch solche Menschen. Wie Boris Nemzow, der sich der Putinschen Autokratie und Kreml-Propaganda widersetzt hat und in der Wahrheit leben wollte. Oder Stephane Charbonnier, der Chefredakteur von Charlie Hebdo, der nach einem Brandanschlag auf die Redaktion und Morddrohungen sich nicht einschüchtern ließ und mit den Worten die Presse- und Meinungsfreiheit verteidigte: „Ich ziehe es vor, lieber aufrecht zu sterben als auf Knien zu leben.“

Was heißt in diesem Kontext: „Je suis Charlie“? – Wir können uns nur wünschen, nicht so schnell auf die Probe gestellt zu werden.

„Aufrecht stehen“ zeigt gebrochene Biographien und mit den Platten und der Silhouette des Augusteums und der Pauliner Kirche auch die Brüche in der Stadt. Leider ist das Transparent „Wir fordern Wiederaufbau“ - das fünf junge Physiker 1968 in der Leipziger Kongresshalle wie vom Deus ex Machina entrollten – leider ist dieses Transparent nur ins Stasi-Archiv und nicht in die Herzen der Stadt gelangt. So hat die Moderne von Ulbrichts Verdikt profitiert, der befahl: „Wenn ich aus der Oper komme, will ich keine Kirche sehen. Das Ding muss weg.“

Doch wie im Bild angedeutet: Als sich der Staub über ihrem Trümmern verzog, wurde wie ein Vorzeichen des Kommenden der Turm von St. Nikolai sichtbar.

Ein Bild ist in der Lage, eindrucksvoll Geschichte zu reflektieren oder sie zu kaschieren, schön zu färben und zu verbiegen. Das wird man künftig an der Leipziger Universität an Hand von zwei Bildern diskutieren können.

Genau das wollte Erich Loest, denn er war kein Bilderstürmer, sondern ein Bilderstifter. Sein „Aufrecht stehen“ soll das Bild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ nicht ersetzen, sondern es zeigt die Opfer der Diktatur des Proletariats. Es ist das Kontrastbild der totalitären Unterdrückung und ihrer Glorifizierung. Erst in der Gegenüberstellung lässt sich das getürkte oder besser gesagt getübke Trugbild einer sozialistischen Menschengemeinschaft von der Wirklichkeit unterscheiden.

Hier geht es nicht um ästhetische Fragen, um die Kunstfertigkeit, die zweifellos zu erkennen ist, sondern um die Botschaft, um die Funktion des Bildes. Heute mag es reizvoll sein für späte Apologeten, scheinbare Andeutungen zu interpretieren. Gerade deshalb gilt Joseph Brodskys Diktum: „Ästhetik ist Ethik“ – je freier das Denken, desto stringenter auch die Form.

Ein Wandbild zu malen, das an der Stelle angebracht werden sollte, wo die Uni-Kirche stand – dem Maler, der so von der Vergangenheit zehrt, hätte sich doch der Pinsel krümmen müssen, schreibt Bernd-Lutz Lange.

Aber vielleicht brauchte man ein solches Spezialgerät, um ein Bild zu schaffen, das als Religionsersatz und Verheißung der hehren programmatischen Ziele der Zerstörer dienen sollte. Mit all den zukunftsgläubigen Anspielungen, dass Bauarbeiter das zerschlagene Kreuz entsorgen. Viele empfanden es einfach nur als Hohn. Heute reiht sich die Sprengung der Kirche in den Kulturvandalismus der Taliban und des IS ein.

Für die Auftraggeber der SED-Bezirksleitung war „Arbeiterklasse und Intelligenz“ kein Vexierbild, sondern genau das, was sie uns vormachen und zeigen wollten: die heile Welt der Diktatur.

Ich habe mich schon vor Jahren gefragt, was man wohl gekifft oder in welcher von der DDR abgeschirmten Welt man gelebt haben muss, um darin die Wiedergeburt einer Renaissancekommune in einer sozialistischen Stadt zu sehen.

Im Bild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ sind vor allem diejenigen zu sehen, die daran mitgewirkt oder kein Problem damit hatten, dass der Widerstand liquidiert, der Widerspruch verfolgt und der freie Geist der Universität vertrieben wurde.

Aus Sicht der Partei: Eine Straße der Besten. Vom rabiaten Altrektor, der die bürgerlichen Reste entfernte und die Uni zur roten Kaderschmiede machte, den linientreuen Professoren und Dekanen bis zum Schöpfer des Bildes selbst. Denn es geht nicht nur um Paul Fröhlich, Ulbrichts Liebling und Sprengmeister der Pauliner-Kirche, der noch, bevor die Rote Armee eingriff, am 17. Juni 53 den Schießbefehl erteilte und viele angebliche Klassenfeinde hinter Gitter brachte.

Wie viele Studenten haben wohl vor diesem Bild gestanden und den schnellen Übergang von der Intelligenz zur Arbeiterklasse erlebt, wenn sie aus ideologischen Gründen oder fehlendem Klassenstandpunkt vorzeitig exmatrikuliert oder zur „Bewährung in die sozialistische Produktion“ verbannt wurden?

Es gibt einen berühmten Maler, der – auch das eine Form der Drangsalierung - wegen „gesellschaftlicher Unreife“ von der Ostberliner Hochschule für Bildende Künste flog, ein Maler der seine Bildmotive bewusst auf den Kopf stellt. So wie die bürgerlichen Werte in der Diktatur Kopfstehen. Doch leider gibt es auch Kunsthistoriker, die eindeutige Bildaussagen entgegen allen Tatsachen auf den Kopf stellen. Ich hoffe Herr Prof. Zöllner Sie gehören nicht dazu.

Und nur nebenbei, Herr Prof. Zöllner, der Satz, den Sie vorhin auf der Pressekonferenz gesagt haben, dass man die Führende Rolle der Partei im Bild nicht erkennen könne, hätte Ihnen vor 40 Jahren den Lehrstuhl gekostet. Um Sie mal ins Bild zu setzen, welche Atmosphäre an der Karl-Marx-Uni herrschte.

Misstrauisch hat mich allerdings der Satz in der Einladung zur heutigen Vernissage gestimmt, der lautet: „Die Interpretation des Wandbildes ‚Arbeiterklasse und Intelligenz‘ oszilliert zwischen einer Betonung der ideologischen Vorgaben einerseits und der Hervorhebung der von Tübke intendierten Vision einer freiheitlichen Gesellschaft andererseits.“

Da ist sie wieder die sozialistische Lebenslüge, die Erich Loest so empört hat. So wie um den Begriff des Unrechtsstaats eine verschwiemelte Abwehr und Rechtfertigung betrieben wird, drückt man sich hier um die klare Feststellung: das Bild „Arbeiterklasse und Intelligenz“ war, ist und bleibt ein monströses Propagandawerk.

So wie der Parteiauftrag lautete: „Arbeiterklasse und Intelligenz sind im Sozialismus unter Führung der marxistisch-leninistischen Partei untrennbar verbunden.“ Zum Glück hat dieses Amalgam nur im Bild gehalten und sollte nicht die eingangs erwähnte Verklärung rechtfertigen.

Dabei will ich mich nicht in die endlose Kontroverse einmischen, ob der Schöpfer ein altmeisterliches Genie oder manieristischer Epigone war. Es mag verführerisch sein, wenn man im Westen sozialisiert wurde, von der Diktaturgeschichte verschont blieb und vor Ort die italienische Renaissancemalerei studieren konnte, in Tübke einen Wiedergänger zu entdecken. Zumal er sich selbst als die Wiedergeburt eines Malermönchs aus der Toskana zur Zeit der Frührenaissance empfand.

Es war aber die Zeit als man in der DDR gegen westliche Musik und lange Haare vorging. Oder, um es im populären Poetry Slam zu sagen:

Es geht doch um den Inhalt
vielmehr als um die Form
es geht doch um den Anspruch
und nicht um die Norm
Es geht doch um das Was
Und weniger um´s Wie
Hier geht es doch um Mitläufer und Täter
Und nicht um´s Genie.

Von wegen freiheitliche Gesellschaft. Selbst im komfortablen MTS-Rahmen – und das war nicht die Maschinen und Traktoren Stadion, sondern das Maler-Dreigestirn Mattheuer, Tübke und Sitte - war die Freiheit der Kunst schwer zu entdecken. Denn Kunst war Waffe und Machtmittel im real existierenden Sozialismus. Und wer sich nicht dran hielt, wurde verdammt. Im Panoptikum des kulturellen Klassenkampfes befindet sich deshalb auch die Abwehr des Kosmopolitismus, Formalismus, Primitivismus, der Dekadenz und jeder Form der bürgerlichen Unkultur.

Dennoch gab es couragierte Künstler, die das Risiko der staatsfeindlichen Gruppenbildung nicht scheuten und sich Freiräume erkämpften. Wie die Dresdner-Künstlergruppe „Lücke“ oder „Clara Mosch“ in Karl-Marx-Stadt oder die Sechs vom 1. Leipziger Herbstsalon.

Dieser 1. Leipziger Herbstsalon wurde als „Konterrevolution“ bewertet. Von einem der führenden Kunsthistoriker der DDR und Professor für Kunstkritik und Kunsttheorie an der Leipziger Karl-Marx-Universität. Prof. Karl-Max Kober hat Elogen auf Heisig und Tübke geschrieben und war im Nebenfach als IM Dr. Werner für die Stasi tätig.

Bei der Beschäftigung mit den beiden Bildern ist mir aufgefallen, das noch viele Geschichten über die Staatskünstler und die unangepassten Künstler der DDR aufgeschrieben werden müssen und dass die Kunstgeschichte der DDR 25 Jahre nach ihrem Ende noch viele weiße Flecken aufweißt.

Leider gibt es in unserem Land noch immer keinen Lehrstuhl für die Geschichte der DDR und die Geschichte des Kommunismus in Europa. Gerade für die Leipziger Universität, die mal den verpflichtenden Namen Karl Marx trug, der das Gespenst des Kommunismus in die Welt gesetzt hat, müsste dieses Defizit eine Herausforderung sein.

Zwar unterhält die Fakultät für Geschichte neben all den Instituten zu Afrikanistik, Ethnologie, Indologie, Kunst- und Orientwissenschaften auch ein Historisches Seminar, doch unter „Aktuelle Information“ erfährt man dort, dass der Lehrstuhl für Neuere und Neuste Geschichte zum 1. April - und das scheint kein Scherz zu sein – aufgelöst wird.

Deswegen meine Bitte an Sie, Magnifizenz, und an die Bildungsminister von Bund und Land: Gerade im Zusammenhang mit den beiden Bildern und einem vertieften Diskurs wäre es an der Zeit und angebracht, ein Institut für die Geschichte und Kunstgeschichte der DDR zu gründen.

Die Geschichte hat den gläubigen Anhängern der kommunistischen Ideologie viel zugemutet. Denn die DDR ist so gründlich gescheitert, wie man nur scheitern kann: ökonomisch, politisch und moralisch. Doch vor allem, und darum ging es heute und hier, ist sie an ihrem Menschenbild gescheitert.